Marke: Sterne,die
Variante: Audio-CD
Eigenschaften:
PRODUKTBESCHREIBUNGEN AMAZON.DE Auf Irres Licht, dem sechsten Album des Hamburger Quartetts Die Sterne, dient als Laterne weniger der Gitarren-Sound denn ein allseits gegenwärtiger Orgelklang samt E-Piano aus den Tasten des neuen Band-Mitglieds Richard von der Schulenburg. Zitate aus der Popgeschichte -- Schwerpunkt 60er-Jahre -- sind auch wieder klar und deutlich herauszuhören, nicht nur die Beatles auf der Ballade "Wahr ist, was wahr ist" oder Psychedelic auf der Eifersuchtsliebeskummerdrohung "Ich bringe euch beide um". Nein, auch die Los Bravos, deren Hit "Black is Black" für Menschen unter 30 kaum mehr präsent sein dürfte, die aber den signifikanten Riff zum Shaker "Nur Flug" beisteuern. Auf der Globalisierungshymne "Du hast die Welt in deiner Hand" verwandelt sich ein Schulchorgospel in einen Punk-Kanon. Ansonsten treten auf: ein Dudelsackorchester für die schottisch angehauchte Weltschmerzballade "Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt", Notwist-Bassist Micha Acher und ein Orchester, das "Alles vergeht" in ein atonales Finale steigert. So irrlichtern wir mit den alltags- aber auch poesiealbumtauglichen Texten von Sänger und Gitarrist Frank Spilker durch den Wald und folgen der Orgel zum Licht. Helle. --Ingeborg Schober REZENSION Jeder kennt das: Man wird angesprochen, vermeintlich eine unmissverständliche Bemerkung - aber man versteht sie trotzdem falsch. Oder richtig. Darum wird es hier u.a. gehen. Dass dabei die Leseart der Songtexte nicht (immer) der intendierten Vorgabe entspricht. Wer hat je behauptet, dies sei die Bibel der Weis- und Wahrheiten? Ich nicht. Oder, um es mit den Sternen selbst und einer Phrase ihres neuen Albums zu sagen: "Wahr ist, was wahr ist". Nichts und alles. Erst wenn man sich von der einen Realität als der faktisch richtigen löst, kann man an Ersatzwelten arbeiten. Am Anfang des Lebens ist man Single und steckt in einem Abhängigkeitsverhältnis. Und so geht es "Nur Flug", der ersten Auskopplung aus dem neuen Sterne-Album, auch. Sie steht ganz vorne, am Anfang des Albums, aber nicht allein. Und: Ohne das backing des Albums fehlt ihr was. Singulär betrachtet ist sie (für mich) einer dieser Songs, den man nur so wahrnimmt und deswegen allzu schnell unter altbekannt ablegt. Im konkreten Fall: zu gute Laune, irgendwie, und verdammt penetrant. Ich musste jedesfalls sofort an "Trrrmmer' denken, das mit dem Videoclip im Süden. So sah jedenfalls ungefähr meine Wahrnehmung des Songs aus, solange ich nur die EP vorliegen hatte. Dann kam das Album, und alles wurde anders. Die erste Hälfte von "Irres Licht" ist mit das beste, was die Sterne je vorgelegt haben. Musikalisch und textlich. Und die zweite immer noch werkimmanent oberes Drittel. Wer hätte das gedacht? Ehrlich gesprochen, ich nicht. Zuviel Zeit war vergangen. Soviel hatte man gehört und gesehen. Aber wie haben sie selbst einst gesungen "Bis neun bist du okay, bei zehn erst k.o." Unter diesem Gesamteindruck habe ich mich "Nur Flug" nochmal neu genähert - und es hat - nein, ich kann hier doch nicht Klaus Lage zitieren, das geht doch nicht bei den Sternen, oder? - zoom gemacht. Was mich hier und heute jedoch mehr interessiert: Das gesamte Album ist eine sehr kritisch-ernüchternde Reflektion von Beziehungsstrukturen - von der Zweier-Konstellation bis hin zu grösseren Gruppen und am Ende, der Logik geschuldet: der Gesellschaft an sich. Und das fängt bei "Nur Flug" so an: "Umnachtet ist, was draussen wartet, und nicht wir." Es geht aber nicht um ein blindes: die Gesellschaft ist mies, Frank Spilker setzt auch in den Gegenmodellen mit seiner Kritik an: "Wenn ich nur vorbeiflieg, muss ich gar nicht landen. Bleib ich in der Luft und lass mich nicht drauf ein." Einmal mehr: Die Oase der richtigen Welt in der falschen. Was hier noch als reine Beschreibung rüberkommt, wird bereits im nächsten Song "Hängen hart" verstärkt. "Du musst raus in die Welt, du musst die Welt retten. (...) Wir müssen uns wehren. Da draussen gibt es soviel Böses, das muss ich dir nicht erklären." Verpackt in einen energischen Song, der seine Wirkung vor allem über die spezielle Abmischung der Stimme erfährt: Sie wirkt wie nach hinten gelegt, wie ein Riss in der Wahrnehmungsebene. Logisch, dass nach der Handlungsanweisung an die Gruppe auch das Infragestellen selbiger folgen muss, wir sind ja alles schon viel zu lange dabei, haben so einiges den Bach runter gehen sehen - Vergleiche hierzu unseren Titel-Roundtabble (Intro#93). Bei Spilker klingt das dann wie folgt: "Zusammenhalt, wir halten zusammen, aus guten Grund, denn wir sind zusammen." So redundant kann Gegenkultur auch formuliert werden und auch sein. Es folgt das zentrale Stück: "Wahr ist, was wahr ist". Ein Song, an dem sich das Haupthema des Albums verdichte: Eine Zeile wie "dass das, was wahr (oder ‚war'?), nicht mehr da ist" kann man sicherlich auch als Abgesang auf eine weitere verflossene Liebe lesen, aber auch darüber hinaus. Diese Mehrebigkeit macht es so spannend. Spilker verknüpft ausserordentlich geschickt die Privatheit mit der politischen Ebene, benutzt so die Politik des Privaten nicht als hermetischen Rückzug, sondern eben via Mehrfachcodierung als Ausgangspunkt für Aussagen auf der Makroebene. Natürlich macht es keinen Sinn, alles immer als die ganz grosse Geste zu lesen, dafür ist ein Album auch immer ein Protokoll einer Zeit. Aber genau das ist auch ein Punkt, an dem hier immer wieder angesetzt wird: "Ich bin auf den Beinen. Ich hab keine Schmerzen. Ich bin bei Verstand. Ich habe nichts mit dem Herzen. Ich kann mich bewegen. Ich muss mich nicht quälen. Und ich kann eins und eins zusammen zähle. Ich nehm sie wahr diese räumliche Enge." Das alles und noch viel mehr wird getragen von einem unglaublich treibenden, fordernden Musik. Schlagzeug wird richtiggehend gedroschen. Danach geben uns die Sterne Zeit zum Durchatmen. "Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt" ist extrem Hamburg, das fängt schon beim Wortspiel im Titel an: Das Heiligen Geistfeld liegt auf St. Pauli - wurde einst auch von Knarf Rellöm besungen. Ein Song über das Verbleichen von Erinnerungen, den Schmerz des Verlusts und den kultivierten Nihilismus in solchen Phasen. Es folgt: "Ich bring euch beide um." Damit meint Spilker ein Pärchen, von dem man nicht genau weiss, ob es nur im Einfamilienhaus sitzt oder in der Chefetage der Deutschen Bank. Und dann sind da noch Highlights wie "Schier Herzattacke" (ausnahmweise mal ganz klar ein Pärchensong), "Irrlicht" (ein Song über die Verlockungen des Lebens, präsentiert in einem gebrochen ungarischen Sound) oder "Du hast die Welt in deiner Hand", eine als Kritik an den Typ da oben lesbare Nummer, wie sie Xavier Naidoo nie formulieren würde. Zum Schluss dieses, ich muss es noch mal explizit sagen: grossartigen Albums wird Spilker noch nachdenklicher, verfällt in einen Robbespierres-Gestus: "Ich bin auf die Berge gegangen, habe in die Täler geschaut (...) alles getrunken und geraucht - einiges lass ich heute weg" - und zeigt Einsicht. Und stellt eine semantisch nicht unwichtige Rückfrage: "Oder irre ich mich?" Passend dazu die Mollstimung des Rausschmeissers "Alles vergeht." Eine Ode an die da oben - diesmal auf der realen Welt. Auch ihr landet da unten. Und dann trägt uns ein Instrumental raus aus dem Album... Uff. Thomas Venker / Intro - Musik & so mehr unter www.intro.de -- INTRO